AUTHENTIZITÄT

 

    

 

AUTHENTISCHES-SELBST versus MASKEN-SELBST

 

Interview mit Peter Peer Rohr

 

Was verstehen Sie unter Authentizität?

 

Authentizität ist die höchste Form der Selbstverwirklichung, weil eine authentische Persönlichkeit weder eine Identität vortäuschen muss, die sie nicht ist, noch Fähigkeiten vorspielen muss, die sie nicht hat.

  

 „Das Große ist nicht dies oder das zu sein, sondern man selbst zu sein;

und das kann jeder Mensch sein, wenn er will.“
-Sören Kierkegaard-

 

Die authentische Persönlichkeit ist also nicht bestechlich?

 

Bestechlichkeit ist eine Frage der Integrität einer Persönlichkeit.

 

Wie definieren Sie Integrität?

 

Integer ist eine Persönlichkeit, wenn sie gegenüber materiellen Verführungen und spirituellen Heilsideologien immun ist und durch keine Propaganda egal welcher Coleur manipulier-, verführ-, noch korrumpierbar ist.

 

Wie lässt sich diese hohe Übereinstimmung zwischen Anspruch und Wirklichkeit erklären? Folgt sie einem ethischen oder religiösen Ideal?Auf welcher Grundlage basiert diese hohe Form von Integrität?

 

Die wahre Spiritualität ist die Unbestechlichkeit des eigenen Selbst. Eine integre Persönlichkeit ist nicht korrumpierbar, weil sie sich einzig ihrem SELBST verpflichtet fühlt.

 

«Wir müssen das, was wir denken, auch sagen.

Wir müssen das, was wir sagen, auch tun.

Wir müssen das, was wir tun, dann auch sein.»
-Alfred Herrhausen, ehem. Vorstandssprecher Deutsche Bank-

 

Fühlt sich die integre Persönlichkeit irgendwelchen politischen, spirituellen oder ethischen Zielen verpflichtet?

 

Das wäre ein Widerspruch in sich selbst. Eine intrege und authentische Persönlichkeit wird sich von keiner politischen, wissenschaftlichen, finanziellen, religiösen oder spirituellen Organisation (Partei, Vereinigung, Fraktion, Firma, Bank, Sekte) für irgendeine Funktion (Hierarchie, Amt, Titel, Position) einspannen, noch sich zum Führsprecher einer Tradition (Kirche, Konfession, Geheimbund, Gruppe, Sitte, Mode, Etikette, Protokoll) machen lassen, geschweige denn sich einer Autorität, einer Weltanschauung oder dem Zeitgeist (Paradigma, Weltbild, Gesinnung, Ideologie, Glauben, Religion, Mission) unterwerfen. Sie wird sich selbst und ihren Prinzipien der Integrität, Wahrhaftigkeit und Nobilität immer treu bleiben und sich einzig ihrem dharma und der Wahrheit verpflichtet fühlen.

 

“Integrität bedeutet, dass ich mir selbst gegenüber die Wahrheit eingestehe.

Und Aufrichtigkeit bedeutet,

dass ich die Wahrheit anderen Menschen nicht vorenthalte.“

-Spencer Johnson-

 

Aus welcher Quelle zieht die authentische Persönlichkeit ihre Kraft, wenn sie weder von der Macht anderer lebt, noch ihre Macht an andere abgibt?

 

Wie ich bereits sagte, ist die einzige Instanz, der die integre Persönlichkeit vertraut, ihr eigenes Selbst. Allein auf Grund dieser Selbstgenügsamkeit  vermag sie alle Energie und alle Einsichten aus sich selbst heraus zu kreieren.

 

„Zwei Dinge verleihen dem Geist am meisten Kraft:

Vertrauen in die Wahrheit und Vertrauen in sich selbst.“

-Seneca-

 

Gibt es irgendwelche Biografien, die integre und authentische Persönlichkeiten veranschaulichen?

 

Es gibt eine schöne afrikanische Geschichte, die das Prinzip integren Verhaltens auf wunderbare Weise veranschaulicht. Die Geschichte erzählt von einem kleinen Jungen (Kiriku), der sich dazu berufen fühlt, sein kleines Dorf von einem bösen Fluch zu befreien: von Karaba, der Zauberin.

 

„Der Krieger hilft den Hilflosen.

Sein Schild beschützt die Schutzlosen,

sein Schwert kämpft für die Schwachen.

Seine Zunge spricht stets die Wahrheit.

Er kämpft, wenn gekämpft werden muss!"
-Dragonheart

 

 

 

     

 

 

In einem kleinen Dorf in der westafrikanischen Savanne wird der winzige Junge mit dem Namen Kiriku geboren. Er spricht bereits im Mutterleib, ist intelligent, schlagfertig, kann sehr schnell laufen und ist in jeder Hinsicht ein besonderes Kind. Sein Heimatdorf wird von der bösen Zauberin Karaba tyrannisiert. Sie hat bereits alle Männer des Dorfes gefangen genommen. Übrig sind nur noch Frauen, Kinder, ein alter Mann und Kirikus Onkel.  Die Zauberin lässt die nahe Quelle versiegen, schickt von ihr verzauberte hölzerne Fetisch-Soldaten ins Dorf, um Schmuck und Nahrungsmittel zu stehlen, und versucht die Kinder zu entführen. Sie steuert ihre Angriffe von ihrem Haus aus, das sie selbst niemals verlässt.

 

„Wer seine Macht missbraucht, offenbart seine Ohnmacht.

Im Inneren sind wir ein Gewirr von Elend und Unglück,

und darum ist es äußerst wohltuend, in der Gesellschaft als wichtige Person zu gelten.

Dieses Verlangen von Rang, nach Ansehen und Macht,

der Wunsch, in der Gesellschaft als etwas Besonderes anerkannt zu werden,

und dieses Verlangen, über andere emporzuragen und sie zu beherrschen, ist eine Form der Aggression.

Und was ist die Ursache dieser Aggressivität?

Es ist die Furcht, ist es nicht so?

Ein Mensch, der von Furcht ergriffen ist, lebt in Verwirrung, Hochmut und Konflikt

und muss von daher verkrampft, repressiv und gewalttätig sein.“

-Jiddu Krishnamurti-

 

Im Gegensatz zu seinem opportunistischen Onkel, der den typischen Spießer repräsentiert, rebelliert Kiriku gegen die Repressionen und Vergewaltigungen der Zauberin. Er ist nicht bereit, sich der Macht Karabas zu beugen. So nimmt ein wildes Duell mit der bösen Hex ihren Anfnag. Weil er Zustände und Zusammenhänge infrage stellt und herausfinden will, warum die schöne Zauberin so böse ist, öffnet er allen die Augen, wie man auf Unterdrückung, Manipulation und Ausbeutung reagiert.

 

"Freiheit wird niemals freiwillig durch den Unterdrücker gewährt,

sie muss immer von dem Unterdrückten gefordert werden."

-Martin Luther King-

 

Obwohl ihm die Zauberin mächtig zusetzt und vor keiner Untat zurückschreckt, Kiriku aus dem Weg zu räumen, lässt sich der schlaue Kiriku von Karaba nicht einschüchtern. Er vereitelt Karabas Entführungsversuche und bringt die Wasser-Quelle wieder zum Sprudeln. Schließlich macht er sich auf den gefahrvollen Weg zu seinem weisen Großvater, der in den Bergen hinter Karabas Haus lebt. Von ihm erfährt er, dass die Zauberin selbst verzaubert ist, weil ihr einst ein Dämon einen Dorn (Krallen-Implantat) tief ins Rückgrat gestoßen hat.

 

„Wer seine eigene Freiheit sichern will,
muss selbst seinen Feind vor Unterdrückung und Ungerechtigkeit schützen.“

-Thomas Paine-

 

Durch heldenhaftes und geschicktes Vorgehen gelingt es Kiriku, den Dorn (Krallen-Implantat) aus Karabas Rücken zu entfernen, worauf die Bosheit von ihr abfällt und sie wieder eine geistig gesunde Frau wird. Durch diese Heldentat wird Kiriku selbst von seinem Karma erlöst. Der Dankes-Kuss von Karaba lässt ihn zu einem großen, starken Mann wachsen.

 

 

"Ein tüchtiger Feind bringt uns weiter als ein Dutzend untüchtiger Freunde."

-Gustaf Gründgens-

 

Diese zärtliche und anmutige Geschichte über die positive Kraft der inneren Autorität, über die Kunst, sein eigenes Selbst zu ermächtigen und die außergewöhnliche Stärke der Integrität ist für Kinder und Erwachsene gleichermaßen bezaubernd und ermutigend. Diese Geschichte veranschaulicht den Charakter einer authentischen Persönlichkeit, die Zivilcourage, Selbstlosigkeit und Heldenmut zu ihrem Lebensprinzip erkoren hat.

 

„Jeder, der das wirklich tut, wozu er fähig ist, ist ein Held.“

-Hermann Hesse-

 

Also wenn sie sich auch nicht für irgendeine Ideologie einspannen lassen, so zeichnen sich integre Persölichkeiten durch heldenhaftes, rechtschaffenes und nobles Verhalten aus?

 

Der grundlegende Unterschied zwischen einer authentischen (integren)  und einer nicht authentischen (korrupten) Persönlichkeit besteht darin, dass sich die authentische Persönlichkeit weder asurischer Eigenschaften (Neid, Missgunst, Trägheit, Eifersucht, Feigheit, Kleinmut, Angst, Geiz, Gier, Völlerei, Wollust, Habsucht, Bosheit, Lüge, Verdrängung, Verweigeung, Flucht, Ausreden, Zögern, Hinausschub, Hochmut, Arroganz, Bigotterie), noch adharmischen Vorgehensweisen bedient (Kriminalität, Manipulation, Kontrolle, Machtmissbrauch, Verführung, Übertreibung, Bestechung, Betrug, Berechnung, Vortäuschung, Fälschung, Erpressung, Bestrafung, Intrige, Niedertracht, Missbrauch, Schändung, Vergewaltigung, Demagogie, Heuchelei, Scheinheiligkeit, Rache, Mord), um ihre Bedürfnisse, Wünsche und Ziele zu erfüllen.

 

Gibt es denn überhaupt solche Menschen?

 

Die Frage müsste lauten, wieso unser Erziehungs- und Ausbildungssystem authentische und integre Persönlichkeiten nicht zum Ziel seiner Bemühungen macht?

 

"Wir sind aufgezogen worden, uns ständig mit anderen zu vergleichen.

Unsere Erziehung und unsere Kultur basiert auf Konkurrenz und Wettstreit.

Aus diesem Grunde kämpfen wir darum,

jemand anders zu sein als der, der wir wirklich sind.“

-Jiddu Krishnamurti-

 

Zu allen Zeiten waren es authentische Persönlichkeiten, die für alle eine Quelle der Inpiration und Ermutigung gewesen sind, weil sie sich im privaten und öffentichen Leben auf ehrliche und rechtschaffene Weise um Freude, Glück und Erfüllung bemühten!

 

„Die Menschen gleichen einander in den Worten,

aber in den Taten kann man sie unterscheiden.“

-Moliére-
 

Was sind die Motive der authentische Persönlichkeit, diese hohen moralischen und ethischen Grundsätze zum Massstab ihres Handelns zu machen?

 

Die authentische (integre) Persönichkeit hat verstanden, dass sie sich letztlich selbst Schaden zufügt, wenn sie anderen Schaden zufügt. Insofern wird sie ihre Mitmenschen nicht wegen finanzieller Vorteile und besonderer Privilegien betrügen.

 

"Manche behaupten oft, sie verteidigen die Freiheit,

aber sie verteidigen vor allen Dingen die Privilegien,

die diese Freiheit ihnen und nur ihnen verleiht."

-Albert Camus-

 

Sie hat verinnerlicht, dass sie ihr seelisches Wohlbefinden Spiel setzt, wenn sie sich korrumpieren und durch vermeintliche „shortcuts“ zu schnelleren Ergebnissen und profitableren Gewinn verführen lässt. Darüber hinaus ist sich zu jedem Zeitpunkt und unter allen Umständen bewusst, dass allein Erfahrungen, um die sie sich auf ehrliche Weise bemüht hat und dass allein Erfolge, die sie auf rechtschaffene Weise erworben hat, echtes Glück und authentische Freude schenken können.

 

„Achte auf deine Gedanken, denn sie werden Worte.

Achte auf deine Worte, denn sie werden Handlungen.

Achte auf deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheit.

Achte auf deine Gewohnheiten, denn sie werden dein Charakter.

Achte auf deinen Charakter, denn er wird dein Schicksal.“

-Konfuzius-

 

Warum gibt man dem Bedürfnis nach, den Weg des geringsten Widerstands zu gehen? Warum greifen Menschen nach Pseudolösungen und spirituelle Ersatzdrogen, wenn es um die Erfüllung ihrer Bedürfnisse und Wünsche geht?

 

Weil es einfacher ist und zu schnellerem Erfolg führt, wenn man auf unrechtmässige und kriminelle Vorgehensweisen zurückgreift, in eine gesellschaftlich anerkannte Rolle schlüpft, sich einer geliehenen Masken-Selbst-Strategie bedient oder sich einer vorgefertigten religiösen oder spirituellen Glaubensüberzeugung bedient, als sich auf ehrbare und rechtschaffene Weise um die Erfüllung seiner Bedürfnisse und Wünsche zu bemühen.

 

„Es kommt nicht darauf an, was Du bist,

sondern für was Dich die Leute halten.“

-Joseph Kennedy-

 

Sind Sie der Meinung, dass man in unserer Gesellschaft für integres Verhalten bestraft und für korruptes Vergehen belohnt wird?

 

Es ist nicht möglich, jemanden davon zu überzeugen, sich authentisch und integer zu verhalten, wenn er dafür bezahlt und belohnt wird, es nicht zu verstehen.

 

„Es gibt nichts Zuverlässigeres als ein Mann,

dessen Loyalität man mit barer Münze erkauft hat.“

-La Rouchefoucald-

 

Warum erliegt man dem Irrtum, seine Befürfnisse und Wünsche nach Reichtum,  Macht, Ansehen, Glück, Freude, Fortschritt und Erfüllung nicht durch authentisches und ehrliches Vorgehen befriedigen zu können?

 

Wenn man die karmischen Konsquenzen seines Handelns nicht zur Kenntnis nimmt, kann man nicht erkennen, dass man Selbstsabotage betreibt, wenn man sich manipulativer Handlungsweisen und vorgetäuschter Absichten bedient, um seine authentischen Bedürfnisse zu erfüllen.

 

„Weil das Gesetz von Karma zwangsläufig und unfehlbar ist,

verletzen wir letztlich immer uns selbst, wenn wir anderen schaden;

wenn wir sie aber glücklich machen, schaffen wir damit für uns selbst zukünftiges Glück.“
-Sogyal Rinpoche-

 

Wie kann der Einzelne seine authentische Persönlichkeit stärken?

 

Zuerst muss man anerkennen, dass die unterschiedlichen Rollen, die man spielt und die Scheinidentitäten, die man sich zugelegt hat, also dass das Masken-Selbst (idealisiertes Selbstbild), dessen man sie bedient, um sich selbst und andere zu täuschen, keine authentische Identität besitzt.

 

"Das falsche, unglückliche Selbst, das in der Identifikation mit dem Verstand begründet ist,

lebt von der Zeit. Es weiß genau, dass der gegenwärtige Moment seinen eigenen Tod bedeutet,

und fühlt sich natürlich von ihm bedroht. Es wird alles tun, um dich aus ihm herauszuholen.

Es wird versuchen, dich in der Zeit gefangen zu halten.“

-Eckhart Tolle, Jetzt! Die Kraft der Gegenwart-

 

Worin besteht der grundlegende Unterschied zwischen dem falschen und dem authentischen Selbst?

 

Das Ich strebt nach individueller Identität, das Selbst spricht für unser Wesen, unsere Seele.

 

Das Masken-Selbst ist eine Strategie der falschen Persönlichkeit, nicht vorhandene Authentizität vorzutäuschen?

 

Statt authentische und rechtschaffene Verhaltensweisen sowie seine wahren (ehrliche, echte, wahre, reale, angmessen) Gefühle einzusetzen, bedient sich das „Ich“ manipulativer und berechnender Verhaltensweisen (vorgespielter und unehrlicher Gefühle und Identitäten), um seine Ziele zu erreichen.

 

„Stehe zu Dir selbst - täusche nichts vor.

Sei auf solch skrupellose Weise ehrlich zu Dir selbst,

dass Du sagen könntest, es tut fast weh und schmerzt.

Widerstehe der Versuchung, Dich selbst weiter zu belügen.

Gebe Dir einfach die Erlaubnis, der zu sein, der Du wirklich bist.“

-St. Peter-

 

Warum versucht die Persönlichkeit, mit Hilfe vorgetäuschter Scheinidentitäten des  Masken-Selbst, Fähigkeiten, Charaktereigenschaften und Tugenden vorzutäuschen, die sie nicht besitzt?

 

In einer Welt, in der die Privatsphäre des Individuums nicht respektiert wird, versucht die „Ich-„Persönlichkeit sich vor Übergriffen (Grenzverletzungen, Übernahmeversuchen, Denunzierung und Zurückweisungen) durch die Einrichtung eines Masken-Selbst zu beschützen. Das Masken-Selbst soll die Gefahr bannen, der Liebe, Anerkennung und Wertschätzung anderer verlustig zu gehen und für sein authentisches Verhalten nicht bestraft zu werden.

 

„Wenn das „Ich“ erkennt, dass es immer nur Organ war und nichts anderes,

dass es seine Identität, die es mit Zähnen und Klauen gegenüber dem Ansturm des Chaos verteidigt hat,

überhaupt nicht zu verteidigen braucht,

wenn es sich damit bescheidet, Organ zu sein und nicht die Sache selbst."

-Carl Friedrich von Weizsäcker-

 

Die falsche bzw, nichtintegre Persönlichkeit versteckt ihr wahres „Ich“ hinter einer Masken-Identität, um den Mitmenschen den Eindruck von Kompetenz, Attraktivität und Makellosigkeit zu vermitteln?

 

Indem Maße, wie das „Ich“ versucht, Vollkommenheit vorzutäuschen statt nach persönlicher Bestleistung zu streben, geht sie nicht nur ihrer Authentizität und Integrität verlustig, sie verliert jeglichen Kontakt zu authentischen Gefühlen.

 

„Gewiss ist die Vollkommenheit unerreichbar.

Sie hat nur den Sinn, deinen Weg wie ein Stern zu leiten.

Sie ist Richtung und Streben auf etwas hin.

Doch nur auf deinen Weg kommt es an, und es gibt keine Vorräte,

in deren Mitte du dich niederlassen könntest.

Denn dann stirbt das Kraftfeld, das dich ausschließlich beseelt,

und du gleichst einem Leichnam.“
-Antoine de Saint-Exupéry-

 

Was kann das „Ich“ tun, wenn es erkennt, dass sein Masken-Selbst weder lebendige (authentische) noch erfüllende Beziehungen herstellen kann?

 

Wenn das „Ich“ wirklich an authentischen und erfüllenden Erfahrungen des Lebens interessiert ist, muss es den Mut aufbringen, sein Authentisches Selbst ins Gefecht zu schicken. Denn so perfekt das Masken-Selbst auch erscheinen mag, es kann weder authentische Gefühle wahrnehmen noch authentische Gefühle zum Ausdruck bringen.

 

"Lebendig sein heißt verletzbar und damit erreichbar sein.

Was der Mensch wieder lernen muss, ist, auf sein falsches Schutzbedürfnis

schrittweise zu verzichten, um wieder echte Gefühle wahrnehmen zu können."

-Thorwald Dethlefsen-

 

Sie würden also die Sinnkrise des modernen Menschen darauf zurückführen, dass er die Fähigkeit verloren hat, sich auf authentische Weise auf menschliche Beziehungen einzulassen?

 

In seinem Bestreben, das Leben in all seinen Aspekten kontrollierbar (überschaubar, berechenbar und vorhersehbar) zu machen, hat der moderne Mensch sich in seinem eigenen Netz verfangen. In einer rundum versicherten Welt findet er sich abgeschnitten von den Erfahrungen, die dem Leben Sinn und Bedeutung verleihen.

 

„Sie können im Geist das Modell einer idealen Beziehung entwerfen,

aber das ist nur eine Flucht vor der Wirklichkeit.“
-Jiddu Krishnamurti-

 

Religiöse Prophezeiungen, spirituelle Weltbilder und esoterische, Verschwörungstheorien (Jüngstes Gericht, Goldenes Zeitalter, Sat-Yuga, 2012) verhindern demnach, dass sich die Menschen auf authentische Weise mit ihrem Leben auseinandersetzen?

 

Die Popularität dieser Prophezeiungen beruht auf dem Bedürfnis, seine mangelnde Authentizität im Umgang mit dem eigenen Leben durch ideologische und spirituelle Ersatzdrogen zu kompensieren.

 

„Das Lebensgefühl der Apokalyptiker ist dominiert vom Naherwartungsfieber

und der frohen Schlaflosigkeit derer,

die für die Welt die Vernichtung, für sich selbst die Verschonung erträumen.“

-Peter Sloterdijk-

 

In diesem Sinne sehe ich zwei Gründe, warum nicht-authentische Persönlichkeiten ihre wahre Identität hinter einem Masken-Selbst tarnen und ihre Defizite an authentischen Lebenserfahrungen durch Anbiederung an vermeintlich spirituelle Autoritäten und durch Abhängigkeit von spirituellen Drogen zu kompensieren versuchen. Erstens, weil sie ihre unlauteren Motive hinter noblen und reißerischen Zielen besser verstecken können.

 

„Die wirksamste Methode eines Scharlatans

ist die Vortäuschung von Ehrlichkeit und lauteren Zielsetzungen.“

-Berthold Brecht-

 

Zweitens, weil ihre Persönlichkeit darunter leidet, nicht gut genug zu sein - also weder dem eigenen noch einem äußeren (gesellschaftlichen, sozialen, religiösen, spirituellen, kulturellen) Leistungs-, Schönheits-, bzw. Anforderungsideal zu entsprechen vermag.

 

„Das Echte, Gute ist nie Mode gewesen, aber es lebt.“
-Hermann Hesse-

 

Die sich als unvollkommen wahrnehmende Persönlichkeit fürchtet, nicht um ihrer selbst willen geliebt und wertgeschätzt zu werden?

 

Insofern versucht sie, sich die Liebe, Anerkennung und Wertschätzung anderer dadurch zu erkaufen, dass sie Perfektion und Vollkommenheit (Kompetenz, Attraktivität, Einzigartigkeit, Charakter, Wissen, Bedeutung, Titel, Plagiat, Potenz, Erfolg, Intelligenz, Schönheit, Kontrolle) vortäuscht. Aus Angst, die eigenen Wünsche und Bedürfnisse nicht erfüllen zu können, wird sie letztlich korrumpier-, verführ-, manipulier-, und erpressbar. Das ist der wahre Grund, warum Menschen bereit sind, erniedrigende Zugeständnisse zu machen, sich fremdbestimmenden Einflüssen auszuliefern und falsche Opfer zu bringen.

 

"Auch die Güte hat ihren heiklen Punkt. Da wird sie zu Dummheit."

-Jean Giono-

 

Dennoch stellt sich erneut die Frage, warum Menschen trotz leidvoller und enttäuschender Erfahrungen konsequent daran festhalten, falsche Gefühle vorzutäuschen? Warum verstecken Menschen ihre wahren Gefühle hinter einem Masken-Selbst und bringen nicht diese Gefühle, Intentionen und Wünsche zum Ausdruck, die sie wirklich haben?

 

Wenn das „Ich“ während der Kindheit wenig Gelegenheiten bekommen hat, das Authentisches Selbst zu kultivieren, spürt die Persönlichkeit, dass das Authentisches Selbst nicht stark genug ist, die Verantwortung und Führung über das Leben zu übernehmen.

 

"Alles, was wir wirklich lernen, ist eine Ansammlung von Vorurteilen,

mit denen wir bis zum 18 Lebensjahr mit einem Breilöffel gefüttert werden!"

-Albert Einstein-

 

Das würde bedeuten, dass alle Probleme und Konflikte im zwischenmenschlichen und sozialen Bereich, die wir nicht erfolgreich zu meistern imstande sind, auf einer mangelnden Ausbildung bzw. auf Schwäche und Unreife des Authentischen Selbst beruhen?

 

Negative Gefühle (Depression, Selbstmitleid, Hoffnungslosigkeit, Ohnmacht, Angst) und alle manipulativen und berechnenden Emotionen (Eifersucht, Neid, Missgunst, Groll, Zorn, Geiz, Hass, Wut, Verweigerung, falscher Stolz, falsche Scham, gekränkte Eitelkeit, Arroganz, Hochmut, Ruhmsucht, krankhafter Ehrgeiz, Scheinheiligkeit, Heuchelei) weisen in fast allen Fällen darauf hin, dass dem „Authentischen Selbst" durch eigenes Verschulden oder durch das Zulassen von Fremdbestimmung die Möglichkeit verwehrt wurde, seine authentischen Muskeln zu stärken.

 

„Sehnsucht ist der verträumte Blick
eines geflügelten Herzens
aus dem verschlossenen Vogelkäfig.“
-Andreas Tenzer-

 

Die Muskeln des Authentischen Selbst verkümmern, wenn die „Ich“-Persönlichkeit dem authentischen Selbst nie eine Chance gewährt, an den Erfahrungen des Lebens unmittelbar teilnehmen zu dürfen?

 

Das Leben ist unser Lehrer und deshalb können wir uns nur entwickeln, wenn wir nicht nur den äußeren Aspekten unserer Persönlichkeit sondern auch unserem wahren Selbst erlauben, an allen Erfahrungen des Lebens vollständig teilnehmen zu dürfen.

 

„Wenn wir wirklich lernen, lernen wir während unseres ganzen Lebens,

und dann gibt es keinen speziellen Lehrer, von dem wir lernen.

Dann wird jeder Moment und jedes Erlebnis zu einer Lernerfahrung –

ein totes Blatt, ein fliegender Vogel, ein Duft,

eine Träne, der Reiche und der Arme, die Weinenden,

das Lächeln einer Frau, der Hochmut eines Mannes, man lernt von allem,

und deshalb gibt es keinen Führer, keinen Philosophen,

kein Buch, keinen Glauben und keinen Guru mehr.“

-Jiddu Krishnamurti-

 

Wenn wir auf der Stelle treten und unser Leben stagniert,  dann zeigt dies an, dass wir Lernprozesse verweigert haben und Erfahrungen des Lebens ausgewichen sind, die unser Authentisches Selbst benötig hätte, um wachsen und reifen zu können?

 

Wenn wir unsererer Persönlichkeit keine Gelegenheit geben, ihre authentischen Bedürfnisse zu erfüllen, fühlen sich die Instanzen unserer Persönlichkeit (Gefühle, Verstand, Geist, Sinne, Körper) in ihrem Erfahrungs-, und Lernbedürfnis eingeschränkt.

 

„Was wir nicht zum Ausdruck bringen, wird unser Leben ruinieren“

-Albert Camus-

 

Die Unfähigkeit, authentische Lebenserfahrungen zu machen und seine wahren Gefühle zum Ausdruck zu bringen, manifestiert sich in mangelndem Selbstbewusstsein und mangelnder Selbstachtung. Körperliche Krankheiten, Gewaltbereitschaft und der Verlust an Realitätswahrnehmung sind die Folge.

 

„Durch andauernde Täuschung wird die Wahrnehmung,

das Gedächtnis und die Differenzierungsfähigkeit des Intellekts zerstört.

Wessen Intellekt zerstört wurde, der ist dem Untergang geweiht.“

-Bhagavad Gita-II, 63-

 

Um den Leidensdruck einer ständigen Sinn-, und Manifestationskrise zu beenden, greift die Persönlichkeit schließlich nach Surrogaten, Pseudolösungen und falschen Identitäten?

 

„Angela Pontual besuchte einmal eine Theateraufführung am Broadway.

In der Pause ging sie ins Foyer, um einen Drink zu nehmen.

Das Foyer war voller Menschen, die redeten, tranken und lachten.

Ein Pianist spielte, doch niemand achtete auf seine Musik.

Angela nippte an ihrem Drink und beobachtete den Musiker.

Er schien gelangweilt, wirkte so, als würde er nur spielen, weil er musste

und als könne er das Ende der Pause kaum erwarten.

Nach einem weiteren Drink wandte sie sich

schon etwas beschwipst an den Pianisten:

„Sie sind eine Nervensäge! Warum spielen sie denn nicht für sich selber?“, fuhr sie ihn an.

Der Pianist schaute sie erstaunt an und

begann sofort Stücke zu spielen, die ihm gefielen.

Darauf wurde es still im Foyer.

Als der Pianist geendet hatte, applaudierten alle begeistert.“

-Der Wanderer, Paulo Coelho-

 

Wie kann man die Sinn- und Manifestationskrise der Persönlichkeit auf gesunde Weise beenden?

 

Zuerst muss man sich eingestehen, dass die Hoffnung, mit Hilfe einer Masken-Identität sowie spiritueller und materieller Pseudolösungen, die authentischen Bedürfnisse der Persönlichkeit zu erfüllen, auf einer Selbsttäuschung beruht. Eine Persönlichkeit, die ihre Existenzberechtigung durch Nachahmung, Maskerade und falsche Nachfolgebereitschaft absichert, betreibt Selbstsabotage seiner eigenen Entwicklung.

 

„Wie kann ein Bewusstsein oder ein Gehirn, das durch Autorität,

Nachahmung, Konformität und Anpassung konditioniert wurde,

jemals in der Lage sein, eine Information aufzunehmen, die vollständig Neu ist?“

-Jiddu Krishnamurti-

 

Die Masken-Identität vermag weder authentische Gefühle zu erzeugen noch die Erfahrung von echtem Glück zu schenken?

 

"Wenn wir versuchen, so zu leben, dass wir anderen gefallen,

werden wir ihnen gewiss nicht gefallen.

Und je mehr wir gefallen wollen, um so weniger werden wir gefallen."

-Prentice Mulford-

 

Wenn die Auflösung des „idealisierten Selbstbildes“ unumgänglich ist, um ein erfüllendes Leben zu führen, dann stellt sich die Frage, wie man eine falsche Identität aufgibt, von der man abhängig geworden ist?

 

Das Masken-Selbst beginnt in dem Maße seine Existenzberechtigung zu verlieren, wie wir unsere Persönlichkeit von selbsttäuschenden Annahmen, falschen Schlussfolgerungen (pragya aparadh), fremdbestimmten Erwartungshaltungen und eingebildeten Ängsten befreien, mit denen unsere Persönlichkeit die Existenz des Masken-Selbst legtimiert und rechtfertigt.

 

„Es ist besser dafür gehasst zu werden, wer man ist,

als dafür geliebt zu werden, wer man nicht ist.“

-Mahatma Gandhi-

 

Es geht also darum, den nötigen Mut zu kultivieren, seine authentischen Gefühle und Bedürfnisse zu leben, wenn man die Chance wahrnehmen will, das Leben auf authentische und erfüllende Weise zu leben?

 

In dem Maße, wie wir unser Masken-Selbst abbauen und uns den authentischen Bedürfnissen unserer Persönlichkeit stellen, geben wir unserem authentischen Selbst die Chance, an den Herausforderungen des Lebens wieder auf lebendige und ehrliche teilzunehmen. Authentische Erfüllung stellt sich ein, wenn wir die negativen und positiven Erfahrungen unseres Lebens auf authentische Weise konfrontieren, verarbeiten und integrieren lernen.

 

„Wenn Du Erfahrungen machen möchtest, die Du noch nie gemacht hast,

musst Du Dinge tun, die Du noch nie gemacht hast.“

-Der Zombie-Ratgeber-

 

Das Ziel des Seminars besteht also darin, das Masken-Selbst abzubauen und im Gegenzug das Authentische Selbst zu kultivieren und zu stärken?

 

Nur wenn unser Authentische Selbst stark genug ist, sich den Herausforderungen der inneren und äußeren Wirklichkeit ohne doppelten Boden und ohne falsche Absicherung zu stellen, wird unsere Persönlichkeit bereit sein, sich auf integre und noble Weise um die Erüllung ihrer authentischen Bedürfnisse zu bemühen. Eine Persönlichkeit, die ihre Bedürfnisse auf authentische, integre und noble Weise zu erfüllen vermag, benötigt weder eine Masken-Identität noch Pseudolösungen.

 

„Mutig zu sein bedeutet nicht, dass man vor nichts mehr Angst hat,

Mutig zu sein bedeutet, dass man sich seiner Angst stellt und seinen Weg geht.“

-Valmiki-

 

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